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Die Wucht des Glücks Was die Liebe mit Tomte anstellt videothek.us

(Grand Hotel Van Cleef)Thees Uhlmann (Mitte) singt mit Tomte kleine Lieder über das große Leben.


(Grand Hotel Van Cleef)"Buchstaben über der Stadt" ist die deutsche Indierock-Blaupause 2006. Tomte ist die Band, die sie aufnahm.


(Grand Hotel Van Cleef)Tomte-Sänger Thees Uhlmann schafft es, sieben Jahre Leben in einem einzigen Song zu kompromieren.

Musikfeature
Was die Liebe mit Tomte anstellt
Die Wucht des Glücks

(tsch) Die Hamburger Schule ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Einige ihrer klassenbesten Schüler, die Mehrheit der Band Tomte, lebt mittlerweile in Berlin. Trotzdem steht die Formation um den Bühnen- und Lebenscharismatiker Thees Uhlmann wie außer ihnen vielleicht nur noch Tocotronic für das Erbe jener Hamburger Schule. In intelligenten und doch leidenschaftlichen Songs feiern Tomte einen Lebensentwurf der Liebe und Aufrichtigkeit. Ihr neues Album "Buchstaben über der Stadt" wird jetzt schon als die Platte gefeiert, an der sich deutscher Indierock im Jahr 2006 messen lassen muss. Sänger und Texter Thees Uhlmann spricht über Leben und Werk.

teleschau: "Buchstaben über der Stadt" ist Euer viertes Album. Verbindest Du mit jeder Platte ein bestimmtes Gefühl?

Thees Uhlmann: Die erste Platte "Du weißt, was ich meine" war wie eine Geburt und ein Beweis dafür, dass auch eine Band ein Album aufnehmen darf, die noch nicht so richtig toll ist. Bei "Eine sonnige Nacht" hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, dass die Band vielleicht gar nicht so scheiße, sondern ganz schön geil ist. Da sind Lieder drauf, die wir heute noch spielen. "Hinter all diesen Fenstern" war dann eine Sternengeburt für mich. Weil ich nie gedacht hätte, dass ich mal so ne spitzenmäßige Platte aufnehmen würde. Wenn du aus einem Dorf in Niedersachsen kommst, dann bist du dafür nicht prädestiniert.

teleschau: Und wie sieht s mit "Buchstaben über der Stadt" aus?

Uhlmann: Dazu kann ich nichts sagen, weil ich noch zu nah dran bin. Ich dachte schon bei der zweiten Platte: Oh, hoffentlich wird sie so gut wie die erste. Ich bin ja schon zufrieden, wenn die 20 Macker in meinem sozialen Umfeld sagen: Das Ding ist gut!

teleschau: Wo unterscheidet sie sich vom Vorgänger?

Uhlmann: Es singt ein anderes Herz in meiner Brust. Ich habe mich wahnsinnig verändert in den letzten zwei, drei Jahren. Mein Leben ist total anders. Ich bin von Hamburg nach Berlin gezogen. Und ich habe einen Menschen getroffen, der alle Konflikte in meinem Leben gelöst hat. Was Marcus Wiebusch (Sänger der Band Kettcar, die Red.) "den Stachel im Fleisch" nennt, das ist bei mir gezogen worden. Natürlich hat man das alles noch im Kopf. Aber ich gehe jetzt mit starker Brust durch mein Leben.

teleschau: Hat die Liebe Deine Texte verändert?

Uhlmann: Für den Tomte-Sänger ist das schon ein großes Ding. Der hat immer mit sich gehadert, und dann war dies nicht gut und das nicht gut. Wenn man dann plötzlich das Gefühl des Glücks in seiner Wucht spürt, ist das eine große Nummer. Natürlich könnte man sagen, es ist meine Privatsache, und darüber singe ich nicht. Aber das ist in der Tomte-Welt nicht vorgesehen, dass man über etwas nicht singt.

teleschau: Man sagt immer: Deine Texte sind pure Emotion. Gibt es da auch die Gefahr, dass man ausbrennt?

Uhlmann: Ich möchte auf keinen Fall mehr leben wie vor drei Jahren. Das geht früher oder später schief. Ich will nicht sagen, dass ich so Pete-Doherty-mäßig drauf war, aber ich bewegte mich schon ziemlich am Limit. Nicht mit Drogen, aber ich war immer in Flammen. Vielleicht ist das die erste Platte vom Typ, dem es gut geht, der aber darüber ernsthaft singt. Wo es klappt, dass die Platte nicht schlechter geworden ist.

teleschau: Ist "Buchstaben über der Stadt" eine Platte mit reinen Glückssongs?

Uhlmann: Nein, das nicht. Für mich war es wichtig, dass ich das ernste Verstehen des Lebens beschreibe. Das ernste Verstehen des Wesens der Liebe und des Glücks. Mariah Carey singt darüber seit 20 Jahren, ich erst seit zwei Jahren. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen ihr und mir: Erstens lügt sie, und ich lüge nicht. Und dann singe ich das so, dass es auch 54-jähriger Mann im Ruhrgebiet an der Stahlpresse versteht. Der kommt abends nach Hause und sagt: "Mein Schatz, ich habe dir eine Tomte-Platte mitgebracht. Ich habe es nie gesagt, aber hier ist das, was ich meine." Und wenn meine Freundin morgen Schluss macht, dann ist das egal. Ich habe Plätze in meinem Leben berührt, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie berühre.

teleschau: Lass uns über ein paar Songs sprechen. Das erste Lied heißt "Ich sang die ganze Zeit von Dir". Das Motto der Platte?

Uhlmann: In dem Song sind sieben Jahre meines Lebens komprimiert. Da müsste man jede Zeile durchgehen. Eine lautet: "Ich hatte keinen Hunger, ich hatte einfach Durst". Sich jeden Abend abschießen, damit man sich keine Gedanken machen muss. Ich hatte ein latentes Alkoholproblem. Da draußen gibt es zwar zweieinhalb Millionen, die das genauso machen. Und in meinem Umfeld sind das 50 Leute. Aber das ist einfach ein beschissener Lifestyle. Und der Refrain ist dann natürlich ein reines Liebeslied.

teleschau: In dem Lied "Was den Himmel erhellt" kommt auch der Titel des Albums vor - "Buchstaben über der Stadt" ...

Uhlmann: Ich habe keine Ahnung, was das genau zu bedeuten hat. Häufig weiß ich wenigstens, wo ich solche Sachen bei einer englischen Textzeile geklaut habe. Aber hierzu habe ich nur eine vage Assoziation: Wenn man von der U-Bahn-Haltestelle St. Pauli auf die Reeperbahn fährt, dann ist da oben so eine große Lichtreklame. An dieser Stelle habe ich einmal zu Marcus Wiebusch gesagt: "Dort oben will ich Tomte-Werbung sehen," Und er sagte, dass ich mir das eh nicht leisten kann. Ich habe es mir ja auch nicht geleistet, aber zumindest ist man heute fünf Meter näher dran. Das ist ohnehin ein knallharter Wiebusch-Song. Er hat oft bei Kettcar-Konzerten gesagt: "Hamburg verliert seine stärksten und schönsten Söhne an Berlin, das ist scheiße." Nun habe ich es aufgeschrieben, das rafft jeder Kettcar-Fan sofort. So etwas bringt natürlich Spaß, und ich wette hundert Euro, dass er es auf der nächsten Platte selbst verwendet hätte. Ich habe ihm das vorher geklaut.

teleschau: Für die Flaggschiffbands Eures Labels Grand Hotel Van Cleef, Kettcar und Tomte, läuft es sehr gut. Eure Plattenfirma ist in aller Munde ...

Uhlmann: Ich habe ein großes Verständnis für alles Glück, das in meinem Leben passiert. Ich kann nur sagen: Ich bemerke alles und bin dankbar dafür. Zumindest meint es jemand in den letzten zwei Jahren sehr gut mit mir.

teleschau: Zuletzt habt Ihr an dem Film "Keine Lieder über Liebe" mit Jürgen Vogel und Heike Makatsch gearbeitet. Du warst Teil der Filmband Hansen und hast Lieder für sie geschrieben. Eine uneingeschränkt positive Erfahrung?

Uhlmann: In vier Jahren würde ich das so sagen. Mein Keyboarder hat sich verliebt (in Heike Makatsch, die Red.), das ist schon mal super. Ich konnte meiner Mutter sagen: "Kauf dir was Schickes, bald müssen wir über den roten Teppich." Das fand ich mördermäßig gut, und das sind Sachen, die schulde ich ihr. Das ist mir ganz bewusst, und ich will das auch mitnehmen. Vielleicht wäre es fünf Prozent cooler gewesen, es nicht zu machen. Aber ich bin halt nicht so ein Nichtmacher-Typ, eher so ein Machtyp. Die Leute denken, dass wenn man bei "Wetten, dass ..?" ist und Jürgen Vogel einen Song singt, den Wiebusch und Uhlmann geschrieben haben, dass man dann Millionen Platten verkauft. Ich wusste vorher, dass es nicht so läuft. Bei "Wetten, dass ..?" war mein Arsch zu sehen, Jürgen und Heike saßen auf dem Sofa. Aber wenn du an solchen Orten bist, mit denen du 20 Jahre Kindheitserinnerungen verbindest, ist das ein wichtiges Gefühl.

teleschau: Du hast auch ein Lied über New York und Amerika geschrieben. Ich hoffe, Du warst auch dort?

Uhlmann: Natürlich war ich da. Ich hege eine große Liebe zu dem Land Amerika. Es bedeutet mir viel, ich war dort oft im Urlaub. Ich bin mit amerikanischer Kultur aufgewachsen. Ich weiß natürlich um die Sachen mit der amerikanischen Außenpolitik. Aber mir ging es wahnsinnig auf den Zeiger, dass sich die Leute daran profilieren, gegen Amerika zu sein. Dieses latente sich Lustigmachen über Amerika. Es gibt da natürlich wahnsinnig viel, was man kritisieren kann. Aber wenn 20.000 Leute gegen Amerika singen, dann ist es meine Rolle zu sagen: "Liberales, demokratisches Amerika, dieser kleine deutsche Mann steht an eurer Seite. Ich weiß, was ich euch zu verdanken habe und dieses Land sollte als allerletztes vergessen, was Amerika für uns getan hat!"

teleschau: Ein weiterer Song "Walter & Gail" spielt auch in Amerika ...

Uhlmann: Walter und Gail, das sind meine amerikanischen Verwandten. Cousins vierten Grades oder so. Ich glaube, wir kennen die auch nur, damit wir da Urlaub machen können. 1988 war ich das erste Mal bei ihnen. Sie wohnen in der Nähe von Detroit. Das Umfeld dort ist wirklich dieses alteingesessene liberale, demokratische und aufgeklärte Amerika. Schon mit 14 fühlte ich mich bei ihnen total wohl.

teleschau: "Walter & Gail" ist also auch ein Hommage-Song?

Uhlmann: Auch ein Liebeslied. Walter und Gail waren die ersten coolen Verwandten, die ich getroffen habe. Ich war 14 Jahre alt, Punk und schlecht drauf. Walter und Gail fanden mich trotzdem gut. Sie sagten Sachen wie: "Echt, wir haben damals auch The Clash gesehen, als sie hier in Detroit gespielt haben." Walter und Gail sind ein Paar. Die Geschichte eines Abends steht auch ziemlich exakt in dem Text drin. Walter hatte eine schwere Herzoperation. Ich finde es einfach beeindruckend, wenn die Leute sich nach 35 Jahren immer noch wahnsinnig lieben.

content: teleschau - der mediendienst

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den 03.09.2010

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