(Aggro Berlin)Musikalisch verschwindet die Maske: "Ich" heißt Sidos zweites Album schlicht.
(Aggro Berlin)Pokerspieler mit Endziel Sushi-Bar: Skandalrapper Sido.
(Aggro Berlin)"Das Konzept bin ich", sagt Sido über sein neues Album.
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Musikfeature
Sido meldet sich mit einem neuen Album zurück
Hinter der Maske
(tsch) Zwei Jahre war es still um den Goldesel Sido. Zwei Jahre, die der Berliner Rapper genutzt hat, um Geld zu verdienen, auszuspannen und sich über grundlegende Dinge klar zu werden. Jetzt veröffentlicht er mit "Ich" ein Album, das in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist - weil es durchaus Klischees aufbricht und Sido nicht mehr ausschließllich als Bad Boy positioniert. Ein Gespräch über Tränen im Studio, Aufnahmesessions auf Ibiza, japanische Schnellimbisse und über das Erwachsenwerden.
teleschau: Dein letztes Album hieß "Maske". Das neue Album heißt "Ich". Will sich Paul Würdig (Sidos bürgerlicher Name, die Red.) nicht mehr verstecken?
Sido: Das hat mit Verstecken nichts zu tun. Obwohl, vielleicht doch. Mit der Maske wäre es mir vermutlich nicht möglich gewesen, die Themen des Albums umzusetzen, ohne dass es albern geklungen hätte.
teleschau: Albernheit war bis jetzt doch einer Deiner Erfolgsgaranten!
Sido: Ja, schon. Zum Teil. Einige Leute hätten mir es bestimmt auch nicht übel genommen, wenn "Ich" wie "Maske 2" geklungen hätte. Ich hätte noch nicht mal besser rappen müssen als auf dem letzten Album, Hauptsache die Text wären ähnlich unterhaltsam.
teleschau: Aber das wolltest Du nicht.
Sido: Auf keinen Fall. Ich wollte persönlicher werden, wollte die Dinge erzählen, die auf "Maske" keinen Platz fanden.
teleschau: Darf man "Ich" dann ein Konzeptalbum nennen?
Sido: Das muss man sogar! Das Konzept bin ich, und jeder Song hat ein bestimmtes Thema.
teleschau: Wie schwer ist es Dir gefallen, den Song über deinen Sohn zu schreiben? Du hast ihn vor kurzem zum ersten Mal nach langer Zeit wiedergesehen.
Sido: Dieser Song fiel mir sehr schwer. Ich war schon sehr aufgewühlt. Zum Glück saß ich alleine in der Aufnahmekabine, so konnte die eine oder andere Träne problemlos fließen. Aber ich brauchte das, ich musste mir diese Angelegenheit von der Seele schreiben. Auch nachdem der Song fertig war, hat es Wochen gedauert, bis ich ihn mir anhören konnte. Wann immer der Song irgendwo im Studio lief, musste ich raus gehen. Mittlerweile hat mein kleiner Mann den Song selbst gehört und findet ihn gut.
teleschau: Wie muss man sich Dich in Deiner Vaterrolle vorstellen? Klassisches Überhäufen mit Geschenken - oder strenge Erziehungsmaschine?
Sido: Es ist ja nicht die typische Vaterrolle mit Familie und gedecktem Mittagstisch. Ich sehe ihn so oft, wie meine Freizeit es zulässt. Ich kriege das oft genug hin, würde aber gerne noch öfter bei ihm sein. Aber zur Frage: definitiv das Erste. Das war auch mein Fehler. Ich habe ihn zu sehr verwöhnt.
teleschau: Vielleicht um Deine Versäumnisse in der Vergangenheit zu kompensieren?
Sido: Vielleicht. Ich musste ihn wieder so weit bringen, dass er akzeptiert, nicht immer ein Geschenk zu bekommen, wenn ich ihn besuche. Geschenke kaufen war im Vergleich dazu viel einfacher.
teleschau: Momentan hat Dein Sohn nicht viel von Dir. Schließlich läuft die Promomaschinerie auf Hochtouren.
Sido: Das muss sein. Wenn ich jetzt mehr arbeite, hat er später mehr von mir. Ich muss ja jetzt nicht mehr nur meine Zukunft finanziell absichern.
teleschau: Ist Sido jetzt erwachsen?
Sido: So wie mir die Frage immer gestellt wird, klingt das, als ob Erwachsenwerden schlecht wäre. Aber das ist doch gut so. Viel schlimmer sind doch die 35-jährigen Berufsjugendlichen. Campino zum Beispiel. Das ist unerträglich.
teleschau: Wenn Du Dein erstes Album einlegst, wie fühlst Du Dich heute dabei?
Sido: Fürchterlich. Ich kann "Maske" nicht mehr hören. Vieles auf dem Album ist mir heute viel zu schlecht gerappt. Ich legte damals keinen Wert auf Flow oder gute Reimschemata. Ich wollte nur mit meinen Texten punkten. Jetzt habe ich beides kombiniert.
teleschau: In der Zeit zwischen Deinen Alben hat man erstaunlich wenig von Dir gehört. Während das Berlin-Karussel sich immer schneller drehte, warst Du auf Tauchstation. Warum?
Sido: Na ja, ich habe "Deine Lieblingsrapper" gemacht. Danach musste ich einfach mal Pause machen. Ich versuchte, Abstand von Berlin zu gewinnen. Ich habe genug von dem ganzen Gangsterrap.
teleschau: Tatsächlich? Deine erste Single heißt trotzdem "Straßenjunge" und handelt von: der Straße.
Sido: Aber das musste sein. Ich sage auf diesem Song ganz deutlich: Sido ist kein Gangster. Ich bin nur ein Junge von der Straße. Mir wurde von den Medien das Etikett "Gangster" angehaftet. Davon will ich mich mit diesem Song entfernen. Gangster, das sind andere Leute. Ich bin ein Straßenjunge. Nichts gegen authentischen Gangstarap. Aber es gibt keinen erfolgreichen Rapper in Deutschland, der wirklich ein Gangster ist. Das gibt es nicht.
teleschau: Du bist nach Ibiza geflogen und hast im Studio von Michael Cretu, den Produzenten von Enigma, aufgenommen. Warum Ibiza, warum Michael Cretu?
Sido: Ibiza war nicht wichtig. Ich hätte das Album auch in Finnland aufnehmen können. Ich brauche meine Ruhe. Alles wäre in Ordnung gewesen, nur nicht Berlin. Auf Ibiza hatte ich meine Beine im Pool, während ich schrieb. In Berlin hätte ich nur Smog geatmet. Die Verbindung zu Michael Cretu kam über meinen Anwalt zustande. Der betreut neben mir auch LaFee, die zwei Wochen vor mir dort war.
teleschau: War es schön in Michael Cretus Haus?
Sido: Na ja, Finca trifft es wohl eher als Haus. Das Anwesen war gut, das Studio weniger. Aber mit guten Laptops und ausreichend PlugIns ist das heute ja kein Problem mehr. Ich konnte gut arbeiten, schrieb in zwei Wochen zehn Songs. Das hätte ich in Berlin nicht geschafft.
teleschau: In Berlin wurde vor wenigen Wochen das Büro Deines Labels ausgeraubt. Angeblich waren die Täter auf der Suche nach Deinem Album. Ist das jetzt der neue Stil?
Sido: Das ist next level shit. Leider. Die haben mit einem Feuerlöscher die Wand eingeschlagen und alles verwüstet. Wertsachen, Computer und so weiter, waren alle noch da. Nur der CD-Schrank war durchwühlt und meine Goldene Schallplatte zerstört.
teleschau: Als Du das erfahren hast, wie hast Du reagiert? Wütend, aggressiv, besorgt?
Sido: Ich hatte einfach nur Angst. Angst, dass doch irgendeine Kopie meines Albums im Büro rumlag. Denn um ehrlich zu sein: Ich habe mit so etwas gerechnet. Deswegen gab es keine Kopien des Albums. Deswegen habe ich auch nie eine CD mit meinen neuen Sachen bei mir. Weil ich weiß, wie diese Leute ticken.
teleschau: Du warst nicht einmal wütend?
Sido: Ich war am Ende sogar noch froh, weil sie nichts gefunden haben. Natürlich ist der entstandene Schaden sehr ärgerlich. Aber wir sind ja versichert. Außerdem hat sich die Polizei der Sache angenommen, und damit ist es auch wieder gut.
teleschau: Die Täter wussten vermutlich, wie wertvoll diese CD ist. Bezogen auf die Charts: Wie wertvoll ist "Ich" denn?
Sido: Hm. Ich habe ja nur zwei Optionen: entweder Nummer eins der Charts zu werden, oder Platin zu verkaufen. Platz zwei habe ich mit "Deine Lieblingsrapper" erreicht, Goldstatus mit Maske. Wir haben in den ersten beiden Wochen der Vorbestellungsphase knapp 70.000 Kopien an die Händler gebracht. Ich denke mal, Gold sollte es schon wieder werden.
teleschau: Um Dein Ego zu befriedigen, oder um Deinem Label Aggro Berlin dringend benötigtes Geld zu beschaffen?
Sido: Für uns ist es wichtig, dass wir wieder was machen. Fler ist noch nicht Gold gegangen, somit müssen wir wieder ein paar Platten verkaufen. Wir sind immer noch ein Indie-Label, jede Platte zählt für uns. Mein Ego ist ausreichend befriedigt worden, danke.
teleschau: Wenn dem so ist, was sind dann die Ziele eines Sido?
Sido: Platz Eins, Platin und ein kleiner, japanischer Schnellimbiss.
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